Legende – Begriffs- und Sachgeschichte

Bei der Legende handelt es sich um eine hochkomplexe Literaturgattung meist kurzer, erbaulicher Erzählungen von heiligen Personen, Dingen oder Ereignissen.

Der Begriff stammt vom lateinischen Gerundium legenda ‚Texte, die man vorlesen soll‘, und bezog sich zunächst einmal auf Stücke für die liturgische Lesung. Im 9. Jahrhundert ist er als lateinisches Substantiv belegt; als Bezeichnung für einzelne Heiligenleben und später auch für deren Sammlungen, wie zum Beispiel die legenda aurea.

Seit dem 15. Jahrhundert auch allgemein für Erzählung oder Bericht verwendet, erfährt die Bezeichnung durch Luther („Lügende“) eine Abwertung, bis 1797 Herder die Grundlage zur Begriffsbildung formuliert. Im 19. Jahrhundert wird der Begriff durch terminologische Reflexion ausdifferenziert: als hagiographische Erzählung, als historisch unfundierte Erzählung, als geistliche Sage oder Heldendichtung und als mündliche Volkserzählung. Durch eine moderne oder teilweise auch sorglose Inanspruchnahme wird der Begriff noch weiter gedehnt.

In der Germanistik erfolgt die Verwendung des Begriffes meist im traditionellen Sinne als Hagiographie, dass heißt als Beschreibung des Lebens und Wirkens von Heiligen.

Texte, die sich ausschließlich auf das Martyrium einer Person, ihre Visionen, die Reliquienübertragung oder auf Wunder nach dem Tod beziehen, sind von der Legende abzugrenzen und werden meist als Subgenera der Gattung Legende eingestuft.

Funktionen der Legende können die Präsentation der göttlichen Heilwirkung, die Kultwirkung, oder die Darstellung der Hilfsfähigkeit der Heiligen sein. Durch ebendiese Funktion der hagiographischen Erbauung hebt sich die Legende von Sage und Märchen ab.

Aus interkultureller Sicht heraus scheinen die Grenzen der Gattung durch die traditionelle Begriffsverwendung zu eng und sollten nach verschiedenen Kriterien neu bestimmt werden. Demnach stellt sich in der Legende eine Begegnung von Immanenz und Transzendenz dar, wobei sie sich nicht ausschließlich auf religiöse, sondern auch ihnen verwandte weltanschauliche Dogmengebäude bezieht, und diese lebendig hält. Es werden bedeutende und für die Bewältigung des Daseins relevante Heilstatsachen dargeboten, wodurch das Kriterium der Relevanz gegenüber dem der Erbauung an Bedeutung gewinnt.

Weitere Kriterien betreffen den mittleren Verbindlichkeitsstatus der Legende, ihre prinzipielle Konfliktstruktur, ihre religiöse Routine, und anderes. Diese Erweiterung trägt der Komplexität der Gattung Rechnung und bezieht sowohl die interkulturelle Sicht, als auch die nachchristlich-profane Legendenproduktion mit ein.

Vgl.: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, hrsg. von Harald Fricke, Walter de Gruyter, Berlin/ New York 2000, Artikel Legende, Seite 389ff.

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