Georg Christoph von Lichtenberg: Aphorismen

Der Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg gehört zu den Vertretern der Aufklärung. In dieser Phase des Umbruchs und der Besinnung auf den eigenen Verstand eines jeden Menschen, entsteht auch der Text „Aphorismen“ (1770-1799). In seiner Kürze und starken Verdichtung ist er ein kompaktes und inhaltsreiches Werk seiner Zeit, das den Grundstein für die Tradition der deutschsprachigen Aphorismen legen wird.

Philosophische Gedankensplitter, wie die Aphorismen auch genannt werden, regen zum Hinterfragen, Analysieren und Weiterdenken an. Trotz der betont subjektiven Wertung („ich möchte fast sagen“) erheben auch die Aphorismen Lichtenbergs Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Aufgeteilt in zwei Sätze werden da zwei Regeln für ein Leben im Sinne der Aufklärung aufgestellt: Zweifle und denke selbst!

Ausgehend von der Aufforderung auch offensichtlich korrekte Tatsachen anzuzweifeln, kritisiert Lichtenberg, dass der Mensch durch zu frühes und zu häufiges Lesen zu viel Wissen ansammelt, ohne dieses effektiv auch zu nutzen.

In der Folge führen die Aphorismen über die Behauptung, dass so das Gedächtnis über den Geschmack und die Empfindungen bestimmt, hin zu der Aufforderung, sich von diesem System zu befreien. Nicht, was uns unser Gedächtnis, welches angefüllt ist, mit den Erfahrungen anderer, als wahr und richtig, gut und schön vorgibt, sollte uns in unserem Handeln leiten, sondern das, was wir selbst denken und empfinden.

Die Herrschaft der Vernunft, die für die Aufklärung so kennzeichnend ist, wurde bereits im 17. Jahrhundert angestrebt. Für die Verbreitung aufklärerischen Gedankengutes vor allem im Bürgertum ist jedoch der Zeitraum zwischen 1730 und 1800 von größter Bedeutung gewesen. Zwischen 1781 und 1790 verfasste Immanuel Kant seine 3 Hauptwerke, deren vernunftorientierte Ethik den denkenden, fühlenden und handelnden, aufgeklärten Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Die Aufklärung richtete sich im Allgemeinen gegen Aberglauben, Vorurteile und Willkürherrschaft. Sie rief dazu auf, Autoritäten nicht bedingungslos Glauben zu schenken, sondern sich auf ein selbst bestimmtes Leben zu konzentrieren. Dieser Prämisse folgt auch der Autor, der in genau diesem Zeitraum auch seine Aphorismen verfasst. Diese sollen zum einen aufzeigen, wie wichtig es ist, die eigenen Sinne, den eigenen Verstand zu benutzen, zum anderen aber auch zu bedenken geben, dass das Empfinden, das Fühlen, nicht vernachlässigt werden darf. Ziel soll es sein, sich selbst wieder zu finden und an die eigenen Fähigkeiten zu glauben.

Vor allem der erste Satz, der erste Aphorismus, betont die Aufforderung sich kritisch mit dem Leben auseinander zu setzen. Die Menschen sollen, den Grundsätzen der Aufklärung gehorchend, nicht auf der Meinung anderer hören, sondern sich von allem selbst überzeugen. Geistreich und zugleich auch lakonisch formuliert, zeichnen sich die beiden Abschnitte vor allem durch die Vehemenz aus, mit der die bedeutenden Themen in aller Kürze abgehandelt werden. Die enorme Verdichtung, die im zweiten Abschnitt vorgenommen wird, sorgt dafür, dass man dem Text einen weiteren Blick widmet, um der komplexen Satzstruktur zu folgen.

Zentrale Themen hier sind neben der Kritik an der Obrigkeitsgläubigkeit, die Moral und die Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Zwei Markierungen hat der Autor in seinem Text vorgenommen: Zum einen die Anführungszeichen, welche den Satzteil „zweimal 2 ist 4“ umrahmen, zum anderen die in Kursivschreibung gesetzten Worte sich, selbst und noch einmal selbst am Ende des zweiten Abschnittes. Mittels dieser Hervorhebungen setzt der Autor einen deutlichen Fokus: Alles, wirklich alles, und wenn es noch so glaubwürdig erscheint („zweimal 2 ist 4“), sollte angezweifelt werden, solange man sich nicht selbst Sicherheit verschafft hat.

Darüber hinaus geht es nicht um den Wissensgewinn, den irgendjemand macht, sondern nur um das, was jeder Mensch selbst, ganz individuell für sich erfährt, erlebt, versteht und empfindet. Denn erst durch die eigenen Empfindungen und die Entwicklung der Fähigkeit, dem selbst Erlebten auch sprachlich Ausdruck zu verleihen, kommt es zur tatsächlichen Existenz eines Individuums. Ganz deutlich bezieht Lichtenberg damit Position zu den geistigen Grundhaltungen der Aufklärung, die uns bis in die heutige Zeit hinein Vorbild für unsere eigenes Denken und Handeln, für ein erfülltes, selbst bestimmtes Leben und Wirken sein können.

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